Reeperbahn Festival 2017: Der Club gegenüber

Langsam kehrt der Alltag zurück. Der Kiez-Blues scheint überwunden, der Schlaf wurde nachgeholt und der morgendliche Blick ins Portemonnaie löst nicht mehr mittelschwere Depressionen aus. In Erinnerung bleiben tolle Konzerte, das eine oder andere verkaterte Frühstück in der kurzfristig einberufenen Forums-WG und mal wieder eine starke Zeit an der Elbe. Und das hatte seinen Grund, denn mal wieder schickte sich das Reeperbahn Festival zu unterstreichen, warum es seit Jahren neben dem Primavera Sound in Barcelona, dem Glastonbury und dem Haldern Pop fester Bestandteil unseres alljährlichen Festivalkalenders ist (zum Bericht von 2016). 

Der Reiz des Festivals ist leicht erklärt: Während sich vielerorts anonyme Speedway-Pisten oder Flughäfen für eine Woche in bunte Festivallandschaften verwandeln, ist es beim Reeperbahn Festival gleich ein ganzer Stadtteil, der zu einem urbanen Festival mutiert. Seit den noch überschaubaren Anfängen im Jahr ist es eines der wichtigsten Branchentreffs überhaupt geworden. Über 800 Veranstaltungen und Konzerte – sowohl Gigs, Workshops als auch Podiumsdiskussionen – von mittlerweile über 500 Künstlern in mehr als 70 Locations stehen zwischen Feldstraße und Elbufer auf dem Programm.

Hier gibt’s noch mal alle Künstler des Reeperbahn Festivals 2017 in der Übersicht

Führen diese Dimensionen bereits beim Glastonbury zu Panikschüben, so findet die Abendplanung beim Reeperbahn Festival unter besonders erschwerten Bedingungen statt. Denn das ohnehin schon breite Angebot konzentriert sich weitestgehend auf die Abendstunden zwischen 19 und 1 Uhr Nachts – Überschneidungen sind also auf der Tagesordnung und kaum zu vermeiden. 

Aber wir wissen alle: Überschneidungen sind nur dornige Chancen! Denn wie kaum ein zweites Festival bietet das Reeperbahn Festival die Möglichkeit den ersten aufkeimenden Frust mit der nächsten Neuentdeckung zu bekämpfen. Die Grundmaxime heißt also: Locker durch die Hose atmen, am Bier nippen, in den nächstbesten Club gehen und weiterfeiern.

Skinny Lister live im Kaiserkeller. (Foto: Danilo Rößger)

Alles neu macht der Kiez, auch außerhalb

In diesem Jahr setzte sich ein Trend fort, der sich bereits in den letzten Jahren abzeichnete: Das Festival verlässt langsam seinen angestammten Kiez und greift in die Stadt aus. Nachdem in den letzten beiden Jahren bereits der Michel in der Neustadt als quasi-externe Location auf dem Programm stand, wurde nun auch Hamburgs neustes Schmuckstück aufgenommen. Damit ist jedoch nicht der Goldene Pudel gemeint, sondern die nur unwesentlich kontroversere Elbphilharmonie in der Hafen-City, in der mit Daniel Brandt & Etern Something, Owen Pallett & Stargaze sowie Dillon ein handverlesenes Programm geboten wurde. Im Gegensatz zu so manch anderem Konzert selber Stelle dieses mal auch ganz ohne Frusteffekt, denn noch kurz vor den Veranstaltungen informierte die Festivaleigene App darüber, dass es letzte Restkontingente im Festival-Village bereitlagen.

Und wo wir dabei sind: Das Festival-Village war neben der Elbphilharmonie die zweite große Neuerung in diesem Jahr. Denn statt wie bislang auf dem Spielbudenplatz die Bändchen zu holen, wurde das entsprechende Zelt nun auf das Heiligengeistfeld ausgelagert, wo zudem mehrere kleinere Bühnen, Stände und nicht zuletzt der „Dom“ ein neues Zentrum für das Reeperbahn Festival schaffen sollten. Dies wollte in seiner ersten Ausgabe zwar nur bedingt gelingen, denn manches mal wirkte es eher verwaist. Jedoch ist es angesichts der zunehmenden Zahl der Festivalbesucher – in diesem Jahr waren erstmals mehr als 40.000 Besucher über die vier Festivaltage vor Ort – absolut sinnvoll, auch diesen bislang offenen Raum für das Festival zu erschließen.

Weitere Stimmen und Berichte zum Festival: Im Forum

Trotz all der Änderungen ging es am Ende ums Altbewährte: die Bands, die Parties und das Astra, dessen Knolle abermals in einer eigenen Festivaledition herausgegeben wurde. Und wieder einmal gab es eine interessante Mischung aus alt und neu, tanzbar und verträumt, krawallig und akzentuiert. Erneut haben es die Booker geschafft, aufstrebende Newcomer neben alten Helden zu platzieren. So gab es ein Gastspiel von Maxïmo Park, deren Hits nach wie vor die Leute auf die Tanzflächen aller Indie-Discos ziehen, was nicht minder für Dispatch gilt, die bereits am Mittwochabend zahlreiche Fans auf den Kiez lockten. Großes Highlight waren jedoch Portugal. The Man, die zwar erst im Mai im muggeligen Molotow gastierten, nun aber im Dock’s mit einem fast zweistündigen, psychedelischen Set begeisterten.

Dispatch live im Dock’s. (Foto: Danilo Rößger)

 

Portugal. the Man live im Dock’s. (Foto: Danilo Rößger)

 

Surprise, Surprise!

Ein mal wieder besonderes Feature waren die Überraschungsauftritte. Fast schon zur Tradition geworden ist der Surprise Gig im Dock’s. Nachdem in den letzten Jahren Biffy Clyro oder die Beatsteaks so ihren Weg ins Lineup gefunden haben, war es dieses Mal tatsächlich Liam Gallagher. Der Brite gab neben Songs seines demnächst erscheinenden Albums As You Were auch zahlreiche der mittlerweile bestens eingesungenen Oasis-Klassiker zum besten.

Weitaus unerwarteter war jedoch der Überraschungsgast des Molotow, denn Hamburgs liebster Abrissclub begrüßte einen der liebsten Abrissacts: Death From Above luden zur Tanzapokalypse Now! Dies sorgte zwar für enttäuschte Gesichter bei all denjenigen, die es aufgrund der begrenzten Kapazität nicht mehr ins Molotow geschafft haben, aber diejenigen, die es geschafft haben, kamen in den seltenen (oder vielleicht einmaligen) Genuss des Konzerts einer solchen Band in so intimer Atmosphäre! 

Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, gab es auch noch einen dritten Überraschungsgast, der jedoch nur indirekt zum Festival zählte. Denn Hamburgs wohl wichtigste Rockband dieser Tage, Kettcar, gaben ein kurzfristig angekündigtes kostenloses Gastspiel vor dem Knust – gewissermaßen auf dem Lattenplatz gegenüber. Und wo kann man diese Band besser genießen als in ihrer Heimatstadt, wo ein jeder die Essenz von Songs wie Deiche oder Landungsbrücken Raus direkt nachfühlen kann. Es war aber einer der neuen Stücke, Sommer ’89, der für den besonderen Moment sorgte und zeigte, dass er wohl zu den ganz großen Songs des Jahres gezählt werden dürfte. Nur allzu leicht abzulesen an quadratmeterweise Gänsehaut unter den Fans vor der Bühne.

Death From Above live im Molotow. (Foto: Danilo Rößger)
Kettcar live auf dem Lattenplatz. (Foto: Danilo Rößger)

Das Reeperbahn Festival und der Reiz des Neuen

Aber natürlich geht es beim Reeperbahn Festival weniger um die alten Helden, sondern vor allem um die aufstrebenden Künstler. Und davon gab es wieder zahlreich! Wie gewohnt bot das Festival in diesem Jahr eine feine Auslese aus Namen, die bereits seit einiger Zeit durch die Foren und Blogs aller Herren Länder schwirren und nun ihr (oftmals erstes) lang ersehntes Gastspiel in Hamburg gaben.

Sei es nun die neuseeländische Künstlerin Amelia Murray, die unter ihrem Alter-Ego Fazerdaze wundervollsten Schoegaze/Dreampop in das Terrace Hill brachte, Marika Hackman im Nochtspeicher, Waxahatchee im Knust, Jen Cloher im Angie’s Nightclub oder auch All Them Witches mit ihrem hypnotischen Psychedelic Rock im Grünspan. Im letzten luden dann am Samstagabend auch The Disctricts zum Konzert und forderten trotz der drei bereits durchgefeierten Nächte noch einmal alle zum mittanzen auf.

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Leider kam auch in diesem Jahr nicht jeder in die gewünschten Locations rein und so gab es zahlreiche Nachrichten über Einlassstops. Jedoch gilt hier das oben gesagte: Wie kaum ein anderes Festival bietet das Reeperbahn Festival die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Sei es nun Gold Class im Kaiserkeller, die mit einem energetischen Mix aus Joy Divison und Interpol für großen Jubel sorgten, die schwedische Indiecombo Francobollo, die am Mittwochabend einen Hauch alter Indiehelden wie Grandaddy auf den Kiez brachten, oder auch Sigurd Sigurvinsson mit seinem entspannten Folk im Karatekeller des Molotows.

 Ein letzter flotter Spruch zum Schluss

All dies führte dazu, dass auch das Reeperbahn Festival 2017 wieder ein voller Erfolg war. Vielleicht war es nicht ganz das unvergessliche Ereignis wie im vergangenen Jahr, aber dennoch bewegte sich das verlängerte Wochenende auf allerhöchstem Niveau. Ein wenig aufs Gemüt drückte die teils undurchsichtige Handgepäckregelung: Nachdem diese am Donnerstag dahingehend verschärft wurden, dass nur noch Rucksäcke und Taschen im DIN-A4-Format mit in die Locations genommen werden durften, herrschte noch bis Samstag Unklarheit darüber, was denn nun geht und was nicht. Das führte teilweise zu absurden Situationen, in denen Rucksäcke dann mit reingebracht werden durften, wenn sie in einen Jutebeutel gepackt wurden. 

Aber dies waren nur die organisatorischen Nebengeräusche einer ansonsten tollen Woche in Hamburg.  Mal wieder mit tollen Menschen und durchfeierten Nächten im Molotow, die auch unter freiem Himmel wunderbar funktionieren. Denn über allem Stand mal wieder: Reeperbahn Festival – du hast das Wetter schön! Wir freuen uns auf 2018!

Alle unsere weiteren Festival-Berichte findest du hier

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