20.10.2018 Bloc Party in Brüssel (Forest National)

“I don’t think going around just touring on a kind of anniversary record does much good for artists” wird Kele Okereke, Frontmann der Band Bloc Party, im Jahr 2014 auf musicfeeds.com zitiert. Eine Aussage, die nicht verwundert, da die Band erklärtermaßen nie ein zweites Album im Stil ihres Debüts Silent Alarm (2005) angestrebt hatte und sich zudem vor ihrem jüngsten Album auch personell verändert hat. Nichtsdestotrotz wurde im Frühjahr diesen Jahres eine „Silent Alarm Tour“ angekündigt. Die Fans dürfte es gefreut haben, dass Kele Okereke es mit seiner eingangs zitierten Aussage offenbar ähnlich genau nimmt wie die Scorpions mit ihrer wirklich allerletzten Abschiedstour.

Lediglich sieben Konzerttermine gab es insgesamt in Europa. Verbunden wurde der Nostalgie-Trip daher mit einer Wochenendreise nach Brüssel. Eine Idee, die offenbar viele hatten: In der Mehrzweckhalle Forest National (Flämisch: Vorst Nationaal) im Süden der Stadt hört man mehr Deutsch und Englisch unter den Zuschauern als Flämisch oder Französisch.

Allgegenwärtig in Brüssel: Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen nach den Anschlagsserien des IS 2015/2016 (Foto: Thorsten Friedrich)

 

Einmal zurück zum Indie-Rock der 2000er, bitte!

Den Abend eröffnet die Band Middle Kids um Frontfrau und Sängerin Hannah Joy. Die Australier liefern mit ihrem melodischen Indie-Rock einen netten Einstand und präsentieren zahlreiche Songs ihres Debüts Lost Friends. Nach kurzer Umbaupause hat das Warten der Fans ein Ende und Bloc Party betreten die Bühne.

Das Album wird in umgekehrter Reihenfolge gespielt, wo sich das ruhige Stück Compliments auch sehr gut als Einstieg anbietet. Bereits beim nächsten Song, Plans, ist das Publikum sofort lautstark und textsicher dabei und man merkt: Diese Tour wurde in der Tat sehnlich erwartet! Auch die Band präsentiert sich gut aufgelegt und spielfreudig, wobei Kele Okereke die Ansagen kurz hält.

Kele Okereke findet immer noch Gefallen an früheren Stücken (Foto: Thorsten Friedrich)

Hits, Hits, Hits!

Wer Silent Alarm auf die Indie-Dancefloor-Gassenhauer Helicopter und Banquet reduziert, tut der Platte Unrecht. Powervolle Gitarrenriffs stehen im ständigen Wechsel mit melancholisch-ruhigen Passagen. Das Publikum tanzt wild bzw. lauscht andächtig, wobei gerade letzteres von einigen Besuchern gerne stärker hätte forciert werden können. Highlights des Sets bilden neben This Modern Love besonders die ruhigeren Stücke So Here We Are und Blue Light, auf die Konzertbesucher jahrelang oft vergeblich gewartet hatten. Das kraftvolle Like Eating Glass fungiert dieses Mal nicht als Opener, sondern schließt den ersten Teil des Abends ab.

Auch 13 Jahre nach Erscheinen bleibt Silent Alarm ein Album, das gerade durch die Abwechslung begeistern kann. Wie stark die Fans Bloc Party mit diesem Album verbinden, macht sich direkt danach bemerkbar: Im Publikum ist ein deutlicher Spannungs- und auch Stimmungsabfall zu spüren. Zwar bieten die Briten im Folgenden neben weiteren Songs auch Perlen von ihren ersten EPs (The Marshalls are Dead & Little Thoughts), dennoch merkt man, dass die Luft bei vielen im Publikum raus ist.

Ein letzter Tanz im Konfetti-Regen (Foto: Thorsten Friedrich)

 

Quo vadis, Bloc Party?

Nachdem Kele Okereke sich in einer letzten Ansage dem aktuellen Top-Thema der britischen Politik widmet und sich als Gegner des Brexit outet (was in der „Europahauptstadt“ Brüssel entsprechend positiv quittiert wird), schließt das Konzert zu den elektronischen Klängen von Flux. Bloc Party haben gezeigt, warum sie eine wichtige Band der Primetime des britischen Indie-Rock Mitter der 2000er waren.

Ob die Rückbesinnung auf die Ursprünge überhaupt einen Einfluss auf das zukünftige Schaffen der Band hat? Vermutlich nicht. Am Ende ist es wie einer dieser Abende um die Weihnachtszeit, an denen man mit Schulfreunden in der alten Stammkneipe sitzt und sich alles wie früher anfühlt, wohlwissend, dass es nur ein kurzer Hauch von Nostalgie ist und die Gegenwart inzwischen anders aussieht.

TFr