22.2.2018: Feine Sahne Fischfilet in Osnabrück (Hyde Park)

Hätte man zur Veröffentlichung des Debütalbums Backstage Mit Freunden (2009) vorhergesagt, dass Feine Sahne Fischfilet ein knappes Jahrzehnt später eine der wichtigsten deutschen Bands in einer merklich nach rechts gewanderten Gesellschaft sein werden, man hätte vermutlich viele schüttelnde Köpfe und spöttische Blicke geerntet. Nun, im Jahr 2018 würde wohl kaum noch jemand bezweifeln, dass die Band um Sänger Jan Monchi Gorkow genau diese Rolle eingenommen haben, und regelmäßig nachweisen, dass dass Deutschland noch nicht komplett im Arsch ist – auch nicht in Osnabrück.

Nach anfänglichen Anfahrtsproblemen, die der Lage des Hyde Parks im Umkreis von Osnabrück und der zugehörigen, für Großveranstaltungen bestenfalls mittelmäßigen Anbindung geschuldet waren, kamen wir gerade noch pünktlich zur Vorband What We Feel an. Schon hier war der 1600 Besucher fassende Hyde Park gut gefüllt und es bildeten sich bereits Schlangen an Theken, Garderobe und Toiletten. Aber auch vor der Bühne war schon einiges los, sodass die russische Hardcore-Band durchaus auf sich aufmerksam machen konnte. Die ersten Pits entstanden, es wurde gefeiert und die antifaschistischen Ansagen der Band bejubelt. Auch die Umbaupause tat der guten Stimmung keinen Abbruch, da das Publikum zu Songs der Dead Kennedys oder Zugezogen Maskulin gleich weiter feierte, obwohl die Musik nur von der Platte kam.

Es geht los, es geht los – heute Nacht.

Die Menge war also bestens eingestimmt für den nun folgenden Abriss, der von der ganzen Menge mitgetragen wurde. Monchi und Bandkollegen kamen mit Zurück in Unserer Stadt auf die Bühne und schon der ersten Song führte zu einer völligen Ekstase, die auch nicht mehr  verflog. Besonders der Konzertbeginn mit Songs wie Für diese Eine Nacht, Alles Auf Rausch oder dem anscheinend bei jedem Konzert als Live-Debüt angekündigten Schlaflos in Marseille übertraf alle Erwartungen. Dabei waren die Fans stets textsicher, egal ob die Songs nun von Scheitern und Verstehen (2012) oder dem erst im Januar erschienenen fünften Album Sturm und Dreck stammen.

Die Euphorie kannte keine Grenzen, drohte diese aber auch manches Mal zu überschreiten. Die Band musste sogar einen ihrer Songs unterbrechen, nachdem ein Fan von einer im Hyde Park angebrachten überdimensionalen Deko-Fledermaus in die Menge sprang und dabei eher unsanft aufkam. Das war jedoch eine Ausnahme. Den Rest der Zeit verhielten sich die Fans auch innerhalb des Pits glücklicherweise vorbildlich.

Monchi von Feine Sahne Fischfilet beim Konzert in Osnabrück im Hyde Park.
Kein Bock auf Nazis Bei Feine Sahne Fischfilet in Osnabrück (Foto: Lewis Wellbrock)

Feine Sahne Fischfilet – Nicht nur hohle Phrasen

Sänger Monchi nahm sich zwischen den Songs auch immer wieder Zeit, um über die Geschichten hinter den Liedern aufzuklären. Für die Fans war dies ein Moment zum Luft holen, doch zeigte sich hier wieder, dass man, wenn man Feine Sahne Fischfilet kauft, auch immer Politik geliefert bekommt, und das ist auch gut so. Ob sie nun auf Morddrohungen an Katharina König-Preuss durch Rechtsextreme aufmerksam machen, von ihren Erfahrungen beim Attentat in Suruç in der Türkei erzählen oder dem Publikum schlicht klar machen, wie wichtig es ist, selbst auf die Straße zu gehen – Feine Sahne Fischfilet schlagen hier in die richtige Kerbe.

Die Band, die sie selbst gar nicht als aufklärende Künstler versteht, sondern viel mehr als aktiv auftretende antifaschistische Gruppe, gibt linken Jugendlichen eine Stimme und definiert nicht zuletzt durch die neues Album Begriffe wie “Heimat” neu. Gerade deswegen passt diese Band auch so perfekt in den Hyde Park in Osnabrück, der historisch gesehen ein fester Bestandteil der alternativen Jugendkultur in Niedersachsen ist und aufgrund seiner Lage auch der ländlichen Bevölkerung einen Platz zum Feiern gibt. Und gefeiert wurde diesen Abend reichlich.

Da die gut und gerne zwei Stunden Punkmusik auch den fittesten Fan irgendwann an seine körperlichen Grenzen bringen, war der etwas ruhigere Zugabenblock mit Stücken wie dem von Monchi selbst witzelnd als Schlager bezeichneten Wo niemals Ebbe ist oder Warten auf das Meer durchaus angenehm. Besonders letzterer, einer der traurigsten und emotionalsten deutschsprachigen Songs der letzten Jahre, sorgte bei vielen für Gänsehaut. An diesem Abend hat einfach von vorne bis hinten alles gestimmt. Und so konnte man sich, nachdem man schnell noch die Jacke, das verlorene T-Shirt oder die Schuhe wiedergeholt hat, hochzufrieden auf die langwierige Rückreise in das Stadtzentrum machen.