Husum Harbour 2017: Hurra! Hurra! Hallelujah.

War das nordfriesische Husum früher vielen nur durch Theodor Storm oder aus Klassenfahrten ein Begriff, hat sich dieses Bild in den letzten Jahren nachhaltig geändert. Bands wie Escapado, Vierkanttretlager, Frau Potz, Adam Angst und nicht zuletzt Turbostaat mit ihrem Song „Insel“ und dem inbrünstigen „Husum, verdammt nochmal!“ haben mit ihren jeweiligen Wurzeln in der „grauen Stadt am Meer“ (und nein: Sie ist keine Insel!) selbige mit Nachdruck auf der musikalischen Landkarte der Bundesrepublik platziert.

Es mochte also angesichts des seit Jahren anhaltenden Booms an In- und Outdoorfestivals nur eine Frage der Zeit sein, bis es auch in Husum ein Musikfestival geben wird, dessen Anspruch über die ewig gleichen Coverbands der alljährlichen Husumer Hafen- oder Krabbentage hinausgeht. Seit 2011 hat sich das Husum Harbour nun dieser Aufgabe verschrieben und sich zugleich als kleines Indoor-Festival einen Ruf als Geheimtipp der deutschen Festivallandschaft erarbeitet. Das hat zum einen mit namhaften Buchungen der letzten Jahre zu tun, als unter anderem Spaceman Spiff, Enno Bunger, ClickClickDecker auf der Bühne standen oder auch Thees Uhlmann mit einer Lesung nach Husum kam, viel mehr aber mit dem äußerst familiären Ambiente der Veranstaltung, bei der man zu jeder Zeit die Liebe zum Detail und die Freude der Veranstalter und zumeist freiwilligen Helfer spürt.

Der ganze Innenraum war geschmückt und mit Zitaten der Künstler bestückt (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

 

Im Unterschied zu anderen Indoor Festivals, mit denen die Festivalsaison fast schon traditionell im Frühjahr beginnt und im Herbst endet, zeichnet sich das Husum Harbour dabei durch seine Intimität aus. Als Location steht lediglich der Speicher Husum auf dem Programm, ein seit 1982 durch einen gemeinnützigen Verein getragenes soziokulturelles Zentrum, das lediglich Platz für rund 200 Besucher bietet.

Der Ort des Geschehens: Das Kulturzentrum Speicher Husum (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

Doch trotz der geringen Kapazität wurde auch in diesem Jahr ein interessantes Lineup geboten. Angeführt wurde es durch einen der in den letzten Jahren eher selten gewordenen Auftritte von Gisbert zu Knyphausen, der vor Ort betonte, dass er seit den Anfängen der Veranstaltung jedes Mal absagen musste und sich daher freute, dass es endlich mal geklappt habe. Neben ihm standen aber auch Ian Fisher, einer der ersten Soloauftritte von Deniz Jaspersen sowie Max Prosa, der sein neues Album vorstellte, auf dem Programm. Kurzfristig wurde das Lineup durch Christoph Drieschner – besser bekannt als Tex und Moderator des Formats TV Noir – komplettiert, da die ursprünglich angekündigte Lina Maly aufgrund anderer Verpflichtungen absagen musste. Eine äußerst gelungene Notbesetzung, da Tex zum absoluten Highlight des ersten Tages werden sollte!

Tex begeisterte die Zuschauer (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)
Max Prosa stellte sein neues Album vor (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

 

Das Programm verteilte sich auf zwei Tage, wobei der zweite Tag traditionell aus einem Matinee eines der Künstler besteht – was auch für die Künstler überraschend sein kann, wie Gisbert zu Knyphausen fast schon entschuldigend gestand. Er habe erst kurz vorher realisiert, dass es sich um ein Matinee handle und dadurch am Vorabend noch ein Konzert im Rostock geplant gehabt, weshalb er noch mit ein wenig Müdigkeit zu kämpfen habe. Aber es sind diese persönlichen Momente, die das Festival den besonderen familiären Touch geben. Stets nahm man es den Künstlern ab, dass sie gerne dort waren und das Umfeld und das aufmerksame Publikum zu schätzen wussten. Immer wieder mischten sie sich unter das Publikum und erlaubten den Kontakt mit den Zuschauern, was wiederum zu einer spürbaren Vertrautheit führte. Und für das Publikum hatten sich die Künstler des Samstags noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen, indem sie den Abend zu später Stunde mit einem gemeinsam gespielten Song zum Abschluss brachten: „[i]Hallelujah[/i]“ des verstorbenen Leonard Cohen, was dem Abend einen herzerweichend melancholischen Ausklang verlieh.

Zum Abschluss des ersten Tages kamen alle noch einmal auf die Bühne (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

 

Aber das war es noch nicht mit der Melancholie, denn am nächsten Morgen wartete ja noch der lang ersehnte Auftritt Gisbert zu Knyphausens, weshalb sich alle Zuschauer bereits ab 11 Uhr zum morgendlichen Kaffee eingefunden haben. Und das frühe Aufstehen sowie der womögliche Kampf mit den Auswirkungen einer langen Nacht haben sich gelohnt, denn Gisbert zu Knyphausen hatte, trotz der angesprochenen Müdigkeit, das Publikum mit seiner gewohnt angenehm zurückhaltenden und bescheidenen Art sofort im Griff. Wo kann man ihn denn noch vor einem derart intimen Publikum erleben? Neben Songs seiner beiden fast schon zu Klassikern der jüngeren deutschen Musik gewordenen Alben gab es auch Songs seines gemeinsam mit dem viel zu früh verstorbenen Kollegen Nils Koppruch gestarteten Projekts [i]Kid Kopphausen[/i] und dessen Band Fink. Als Bonus erlaubte zu Knyphausen auch erste Einblicke in sein im Herbst erscheinende lang ersehnte dritte Album. Und das, soviel lässt sich jetzt schon sagen, setzt genau dort an, wo „Hurra! Hurra! So nicht.“ im Jahr 2010 aufhörte: Songs über das Beisammensein, so bspw. während psychedelischer Abende in Hamburger Kneipen oder die schicksalhaften Wendungen des Lebens, das alles mit einer gehörigen Note zumeist positiver Melancholie.

Gisbert zu Knyphausen (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

 

Man könnte fast sagen, dass es schade gewesen sei, dass der Wettergott es fast schon zu gut mit uns meinte und uns, trotz des Indoor-Charakters der Veranstaltung, mit viel gutem Wetter und Sonne verwöhnt hat. Denn was hätte besser zur just erlebten Melancholie gepasst, als die gelegentlich graue Tristesse der „grauen Stadt am Meer“, die allen Husumern nur zu vertraut ist? Aber vielleicht war es Gisbert selber, der sich dafür verantwortlich zeigte, klagte er doch 2010 in seinem Song „Grau, Grau, Grau“ über den Verdruss über das Graue. Und das war vielleicht auch ganz gut so, denn die Konzeption des Festivals (aber das hat es mit allen Indoor-Festivals im Frühjahr und Herbst gemein) bringt es mit sich, dass die Leute bei „Husumer Schietwetter“ wohl durchgehend drinnen geblieben wären. Es war also sehr angenehm, dass man zwischen den Konzerten ein wenig am Binnenhafen frische Luft schnappen und den Sonntag dann tiefenentspannt am Husumer Dockkoog bei bis zu 17°C gemütlich ausklingen lassen konnte. „Das ist schon okay so!

Watt heb wi dat schön hat! (Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

 

Es bleibt der Rückblick auf ein wirkliches schönes Festival, für das zu hoffen ist, dass es weiterhin nicht nur die Festivalsaison bereichert, sondern auch den Veranstaltungskalender der Region. Es wäre dem Festival aber zu wünschen, dass es auch in der Stadt und der Region selber mehr wahrgenommen wird, denn Husum hat hier ein kleines Schätzchen, von dem es hoffentlich noch lange guthaben wird. Fürs erste heißt es aber erst einmal: Warten auf 2018. Dann vielleicht auch mit Lina Maly, aber ganz gewiss auch wieder mit uns!

(Foto: Jan-Hendrik Paulsen)

SMa

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